Wie wir eine Herzensfamilie wurden? Unser Weg zum Herzenskind durch Adoption
Mein größter Herzenswunsch war es, ein eigenes Kind zu bekommen. Mein Partner hatte zwar bereits zwei fast erwachsene Kinder aus erster Ehe, doch wollte er mit mir zusammen noch einmal diesen Weg gehen und mit mir einen kleinen Menschen auf diese Welt bringen. Doch dass dies ein langer und sehr emotionaler Weg mit vielen Tiefen und einem unerwarteten Happy End werden würde, damit hatten wir beide nicht gerechnet.
Mein Mann und ich lernten uns vor mehr als elf Jahren - wie so viele Menschen - auf der Arbeit kennen. Schon nach einem Jahr heirateten wir - was ziemlich schnell war, doch wir wussten, dass wir zusammen durchs weitere Leben gehen wollten. Da mein Mann 14 Jahre älter ist als ich, "machten" wir uns auch schnell an das Thema "Kinderwunsch". Zunächst setzten wir lediglich die Verhütungsmittel ab und gingen sehr entspannt an die Sache ran. Nachdem ich allerdings nicht schwanger wurde, suchten wir uns Rat bei meinem Frauenarzt. Es fing an mit "einfacher" hormoneller Unterstützung und ging dann weiter mit dem gezielten Auslösen des Eisprungs per Spritze. Doch all das wollte nicht funktionieren. Je mehr wir taten, umso mehr Raum nahm das Kinderwunschthema in unserem Leben ein. Wir merkten: So einfach war es nicht, ein gemeinsames Kind zu bekommen.
Die emotionale Achterbahn beginnt
Wir ließen dann abklären, ob bei uns "alles in Ordnung" war. Denn der Verdacht lag nahe, dass irgendwie die Chemie nicht stimmte. Alle Untersuchungen, die wir machten, ergaben das gleiche Ergebnis: "Hej, alles super, eigentlich müsste es klappen." Doch es klappte weiterhin nicht. Dann stiegen wir richtig tief ein in die Kinderwunschbehandlung. Es folgten Tabletten, Spritzen über und über - mein Bauch war schon ganz löchrig - und dann die Eizellenentnahme auf dem OP-Tisch. Erst war es eine IVF, also eine In-Vitro-Fertilisation, bei der meine Eizellen und das aufbereitete Sperma im Reagenzglas zur spontanen Befruchtung zusammengebracht wurden, dann eine ICSI, eine Intrazytoplasmatische Spermieninjektion, bei der ein besonders "fittes" Spermium direkt in die Einzelle injiziert wurde. Fast bei jeder Behandlung hatte ich unzählige Eizellen - einmal waren es sogar 18 Stück! Der Arzt bezeichnete mich als "Abräumer des Monats". 😊 Bei jeder Entnahme sahen alle Eizellen super aus. Auch die Befruchtungen liefen gut. Einmal mussten wir sogar zwei Tage früher zum Einsetzen kommen, da die Blastozyste so weit in der Entwicklung war, dass sie bereits schlüpfen wollte. Die Voraussetzungen waren also fast immer ideal und der Arzt machte mir auch große Hoffnungen. Und so begann nach jedem Transfer das Hoffen, Bangen und Warten.
Ich spürte so oft in mich hinein. Ist da was? Spüre ich da was? Und ja, manchmal hatte ich auch das Gefühl, dass ich wirklich etwas spürte. Ich fieberte immer wieder hin zum Tag der Kontrolle. Machte mir viele Gedanken. Verhielt mich extra schonend und "schützte" meinen Bauch, damit ja alles gut gehen würde. Bei der ersten ICSI-Behandlung bekam ich Blutungen, ich weinte bitterlich, da ich das Gefühl hatte, dass war es jetzt. Doch dann die Blutentnahme und ein positives Ergebnis. Zunächst. Dann sagte die Arzthelferin, dass der hCG-Wert für das Stadium etwas zu niedrig sei und wir aber erst einmal abwarten sollen. In den Tagen hatte ich so viel Hoffnung, so viel Zuversicht. Es kündigte sich aber zu diesem Zeitpunkt bereits der Abgang an. Ich war schwanger, ja, aber nach ein paar Tagen war der hCG-Wert im Blut nicht mehr nachweisbar. Dennoch: Wir machten weiter. Hatte es doch fast geklappt.
Ich kann heute gar nicht mehr sagen, wie viele Versuche wir hatten - es waren unzählige. Jedes Mal die Hormonbehandlungen, die vielen Spritzen, die viele Hoffnung - es war eine emotionale Achterbahn. Doch irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Die Situation setzte mir nicht nur emotional, sondern auch körperlich zu. Mein Bauch war aufgebläht, ich hatte bei den Behandlungen Schmerzen. All das hat viel mit mir gemacht. Ich habe viel geweint. Ich versuchte mich zwar zu entspannen und mich nicht so stark darauf zu fokussieren, aber das ging irgendwann nicht mehr. Ich fragte mich oft, wieso werden Frauen, die keine Kinder wollen, so leicht schwanger und wir probieren alles und es klappt einfach nicht. Für mich war das nicht nachvollziehbar. Zumal bei uns ja, laut Arzt, alles in Ordnung war. Es gab Frauen um mich herum, die weitaus weniger gute Voraussetzungen hatten. Die maximal drei Eizellen produzierten - trotz Stimulation. Und da klappte es nach dem dritten Versuch. Bei unserer letzten ICSI-Behandlung hatte ich eine Überstimulation. Ich hatte wirklich Schmerzen. Wir mussten sogar unseren Urlaub abbrechen, da es mir körperlich gar nicht gut ging. Zwar haben wir es "durchgezogen" und auch die restlichen befruchteten Eizellen einfrieren lassen, aber nachdem es wieder nicht geklappt hatte, stand für mich fest: das war es jetzt!
Ein neuer Weg tat sich auf
Ich bin fest der Ansicht, dass alles im Leben seinen Sinn hat. Und: Wenn es sein soll, dann soll es sein. Und wenn nicht, dann nicht. Ganz nach dem Motto: Wer weiß, für was es gut ist. Beim Thema "Kinderwunsch" war dies für mich aber sehr schwer hinzunehmen. Ich versuchte es allerdings. Und dann kam etwas in Bewegung, an das wir bislang nicht gedacht hatten. Auf einer Geburtstagsfeier lernte ich eine Herzensfamilie kennen. Sie fanden ihr Familienglück durch Adoption. Als ich meinem Mann davon erzählte, war er sofort offen dafür. Ich recherchierte und fand einen freien Träger. Dort machte ich gleich einen Termin aus. Schon kurze Zeit später hatten wir unser erstes Gespräch. Dieses dauerte fast zwei Stunden. Die Frau, die uns gegenübersahs, war so nett und einfühlsam, so offen und herzlich. Wir spürten, dass da jemand sitzt, der seine Aufgabe mit viel Hingabe und großer Verantwortung ausübt. Wir fühlten uns dort "richtig".
Der sogenannte "Bewerbungsprozess" dauerte ca. ein halbes Jahr. Wir hatten Fragebögen zum Ausfüllen und viele Gespräche. Wir sprachen über uns, unseren Werdegang und unsere tiefsten persönlichen Erfahrungen. In dieser Zeit reflektierten wir uns, unsere Partnerschaft und unser bisheriges Leben. Es waren sehr emotionale und tiefe Gespräche. Auch wenn es komisch klingen mag - es war eine sehr schöne Zeit, die uns als Paar nach den vielen Kinderwunschbehandlungen sehr gut tat.
Aus all den gesammelten Informationen über uns, wurde dann eine Bewertung erstellt, die aussagte, ob wir geeignet sind für eine Adoption oder nicht. Was genau in dieser Stellungnahme steht, wissen wir nicht. Aber so schlecht konnte sie nicht sein, denn wir wurden offiziell in den Pool der Bewerber aufgenommen. In so einen Pool passen übrigens sehr viele Bewerber: Insgesamt 44 Paare waren bereits in der Kartei. Und im Schnitt, so die Aussage der Adoptionsvermittlungsstelle, wird pro Jahr ein Kind vermittelt. Als wir das dann erfuhren, rechneten wir erst einmal durch, wie lange wir warten müssen. Nun mit fast 80 Jahren ein Kind zu erhalten, war nicht gerade eine erfreuliche Nachricht. 😏Mein Mann und ich hatten am Ende des Bewerbungsprozesses keine große Hoffnung. Allerdings konnten wir das "gut stehen lassen": Wenn es sein soll, dann soll es sein. Wir haben unseren Herzenswunsch losgelassen und ihn auf Reisen geschickt - wo auch immer er laden mochte. Und ich glaube, genau das ist das Wichtige: Loslassen. Entspannen. Es war das erste Mal mit Blick auf unseren Kinderwunsch, dass wir das Ganze wirklich gelassen angegangen sind. Wir fokussierten uns auf unser aktuelles Leben. Überlegten, ob wir noch einmal neu bauen sollten. Doch dann kam der besagte Anruf.
Ein Anruf, der unser Leben auf den Kopf stellte
Ich weiß es noch wie heute: Nicht einmal ein Jahr nach dem ersten Kontakt mit der Adoptionsvermittlungsstelle haben wir den besagten Anruf erhalten. Wir waren beide coronabedingt im Homeoffice. Ich befand mich in einer Videokonferenz und das Telefon von meinem Mann klingelte. Er hob ab und wurde plötzlich ganz kreidebleich im Gesicht. Er rannte aufgeregt durch die Wohnung und suchte Zettel und Stift. Dann verschwand er auf dem Balkon. Ich dachte erst: Oh weh, jetzt ist etwas Schlimmes passiert. Aber im Gegenteil. Als die Videokonferenz zu Ende war, ging ich zu ihm. Er erzählte mir, dass die Adoptionsvermittlungsstelle angerufen hat. Das war nun nichts Ungewöhnliches. Wir hatten ab und zu telefoniert, um in Kontakt zu bleiben. Aber dann sagte mein Mann: Sie haben ein Kind für uns. Unser Herzenskind ist heute auf die Welt gekommen. Auch ich wurde jetzt, glaube ich, fahl im Gesicht. Mein Herz schlug schnell. Ich musste mich erst einmal setzen. Ich war sprachlos – und da gehört wirklich viel dazu.
Dieser Tag, dieser Moment wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Es war der Tag, an dem unser größter Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist. Dieser Tag hat unser Leben um 180 Grad gedreht. Unser Herzenswunsch hatte seine Reise beendet und den Ort gefunden, an dem er in Erfüllung gehen konnte. Wir wissen nicht, warum genau wir für unser Kind ausgesucht wurden. Es spielen hier bei der Vermittlung viele Aspekte eine Rolle. Ich glaube aber fest daran, dass wir durch das Loslassen unseres Herzenswunsches, durch das Entspannte Herangehen "an die Sache", einen großen Schritt hin zu unserem Herzenskind gemacht haben. Heute sind wir Eltern von zwei Adoptivkindern. Und ich kann nur jeden und jede ermutigen, diesen Weg zu gehen. Es ist eine tolle Chance für Kinderlosepaare und für Herzenskinder, die ein Zuhause suchen. Und wenn es sein soll, dann soll es auch sein – egal wie viele Bewerberpaare noch in der Kartei stehen.
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